Tschernobyl wird weltweit mit hoch radioaktiver Verseuchung verbunden. Ein Synonym für die größte nukleare Katastrophe der Geschichte, ein Synonym für Schrecken, Leid und Tod. Doch ganz so lebensfeindlich ist die Sperrzone rund um das Kernkraftwerk gar nicht mehr. Natur- und Tierwelt erobern die vom Menschen eingenommenen Lebensräume zurück. Bis 2022 kamen zudem Tag für Tag Arbeiter und Touristen in die Zone. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich das grundlegend geändert: Die Sperrzone war fünf Wochen lang besetzt, Teile davon sind seitdem vermint, und die Zone ist nur noch eingeschränkt zugänglich.
Inhalte
- Tschernobyl heute
- Die Besetzung der Sperrzone 2022
- Das Kernkraftwerk Tschernobyl
- Neue Schutzhülle für das Kernkraftwerk
- Arbeit in der Sperrzone
- Prypjat - Die Arbeiterstadt im Herzen der Zone
- Die Strahlung in Tschernobyl - Heute und in Zukunft
- Das Tierreich in Tschernobyl
Tschernobyl heute
Eine hochgradig verseuchte Umgebung, in der kein Leben möglich ist und der Tod hinter jeder Ecke lauert. So in etwa stellen sich viele Menschen die Sperrzone rund um das Kernkraftwerk Tschernobyl vor. Doch weit gefehlt. Zwar ist die Strahlung in Teilen der Zone nach wie vor gefährlich, dennoch hielten sich bis 2022 täglich mehrere Tausend Menschen in der Zone auf und auch Tiere sind keineswegs ausgestorben. Wie stark die Zone belastet ist, erfährst du auf der Seite Strahlenbelastung durch Tschernobyl.
Seit dem Abzug der russischen Truppen im Frühjahr 2022 ist nicht mehr die Strahlung die größte Gefahr, sondern zurückgelassene Minen und Sprengfallen. Laut der Staatlichen Agentur für die Verwaltung der Sperrzone (DAZV) darf in der Zone keine Arbeit beginnen, bevor Kampfmittelräumer das Gelände geprüft und gegebenenfalls geräumt haben. [Th4] Touristische Reisen sind seit 2022 nicht möglich, mehr dazu unter Reise nach Tschernobyl.
Die Besetzung der Sperrzone 2022
Am 24. Februar 2022, dem ersten Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine, rückten russische Truppen von Belarus aus in die Sperrzone vor. Die Zone lag auf einer der Angriffsrouten in Richtung Kiew, der Vorstoß auf das Kraftwerk begann von Prypjat aus. Am Nachmittag standen russische Soldaten und Militärfahrzeuge vor dem Verwaltungsgebäude des Kraftwerks und übernahmen die Kontrolle über das Gelände, das sie anschließend als Militärstützpunkt nutzten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 150 Beschäftigte des Kraftwerks und 178 Soldaten der ukrainischen Nationalgarde auf dem Gelände. Die Nationalgarde leistete keinen Widerstand, um bei Kämpfen keine Schäden an den nuklearen Anlagen zu riskieren. [Th2]
Folgen für Kraftwerk und Personal
Die Schicht, die am 23. Februar 2022 ihren Dienst angetreten hatte, wurde von den Besatzern festgehalten und arbeitete mehr als 600 Stunden statt der vorgesehenen 12 Stunden. Erst am 20. März konnte ein Teil des Personals ausgetauscht werden, 46 Beschäftigte meldeten sich freiwillig als Ablösung. Vom 9. bis zum 14. März war das Kraftwerk ohne Stromversorgung von außen, weil Stromleitungen bei den Kämpfen beschädigt worden waren. Die Kühlung des Nasslagers für abgebrannte Brennelemente hing in dieser Zeit an Notstromdieseln, die Dieselvorräte auf dem Gelände reichten laut Kraftwerk nur für 14 bis 24 Stunden. 169 Soldaten der Nationalgarde gerieten in Kriegsgefangenschaft. [Th2]
Am 31. März 2022 verließen die russischen Truppen das Kraftwerksgelände, nachdem ihr Vormarsch auf Kiew gescheitert war. Als offizielles Datum der Befreiung gilt der 3. April 2022. Nach Angaben des Kraftwerks verloren die Beschäftigten während der Besetzung zu keinem Zeitpunkt die Kontrolle über das Kernmaterial. Die psychische und körperliche Belastung des festgehaltenen Personals war jedoch erheblich, und alle laufenden Arbeiten, etwa das Umlagern der abgebrannten Brennelemente, standen still. [Th2] Seit Januar 2023 ist ein Team der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) dauerhaft am Kraftwerk vor Ort. [Th4] [Th10]
Plünderungen und Minen
Die Besatzer plünderten Ausrüstung, Büros und Lager des Kraftwerks und beschädigten die Sicherungsanlagen. Laut Kraftwerk hielten sich die Soldaten nicht an die Regeln des Strahlenschutzes, was die radiologische Lage auf dem Gelände verschlechterte. [Th2] In der Stadt Tschernobyl plünderten und zerstörten sie das moderne Zentrale Analyselabor der Sperrzone, dessen Wert die DAZV mit rund 6 Millionen Euro angibt. [Th3] Im sogenannten Roten Wald hoben die Truppen Schützengräben aus. [Th4] Was das für die Strahlungswerte bedeutete, steht auf der Seite Strahlenbelastung durch Tschernobyl.
Beim Abzug hinterließen die Truppen ein vermintes Gebiet. Laut DAZV werden die zahlreichen Minen und Stolperdrähte regelmäßig von Wildtieren ausgelöst. Außerdem brennt es auf verminten Flächen leichter, und Brandschutzarbeiten sind dort nur eingeschränkt möglich. Ein Teil der wissenschaftlichen Ausrüstung wurde beschädigt oder ging verloren. Zu Versuchsflächen am linken Ufer der Prypjat hatten die Forschenden laut ukrainischem Umweltministerium im Jahr 2024 keinen Zugang mehr. [Th4]
Das Kernkraftwerk Tschernobyl
Das Kernkraftwerk von Tschernobyl mit einer geplanten Nennleistung von fast 6.000 Megawatt war trotz der gigantischen Katastrophe bis ins Jahr 2000 in Betrieb. Das Kraftwerk bestand zum Zeitpunkt der Katastrophe aus 4 Reaktoren, 2 weitere befanden sich zu dieser Zeit noch im Bau. Nach der Katastrophe liefen die übrigen Blöcke zunächst weiter. Die vorzeitige Abschaltung von Block 1 wurde 1996 beschlossen, die von Block 2 im Jahr 1999. Block 3 wurde am 15. Dezember 2000 als letzter Reaktor endgültig abgeschaltet. [Th7]
Der Reaktorblock 4 wurde direkt nach der Katastrophe mit über 5.000 t Blei, Sand und Flüssigkeiten zugeschüttet, anschließend wurde aus Beton ein Sarkophag darüber errichtet, um den weiteren Austritt von radioaktivem Material zu verhindern. Da diese Schutzhülle in aller Eile errichtet wurde, hat sie bauliche Mängel. Deshalb wurde im Jahr 2007 ein Projekt verabschiedet, eine neue, noch größere Hülle darüber zu errichten.
Neue Schutzhülle für das Kernkraftwerk
2007 verabschiedeten 40 Länder sowie die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) den Bau der neuen Schutzhülle. Die Kosten des gesamten Sicherungsprogramms für den alten Sarkophag, zu dem die neue Hülle gehört, beziffert die EBRD auf 2,1 Milliarden Euro, bereitgestellt von der EBRD und den Geberländern, darunter auch Deutschland. [Th9] Am 29. November 2016 erreichte die Hülle ihre finale Position über dem Reaktorblock 4.
Im Februar 2025 schlug eine Drohne in das Dach der neuen Schutzhülle ein und verursachte einen Brand in der Verkleidung. Die Strahlungswerte blieben laut IAEA im normalen Bereich. [Th10] Mehr über den Bau, den Drohnenangriff und die Reparatur findest du auf der Seite Eine neue Schutzhülle für das AKW Tschernobyl.
Arbeit in der Sperrzone
Vor 2022 reisten jeden Tag bis zu 3.000 Arbeiter in die Sperrzone, um dort am Bau der neuen Schutzhülle mitzuwirken, radioaktiven Müll zu entsorgen oder die Infrastruktur auszubauen. Die meisten kommen aus dem 50 km östlich gelegenen Ort Slawutytsch. Bis 2022 fuhren sie mit dem Zug in rund 45 Minuten zum Kraftwerk. Seit der Besetzung ist diese Verbindung unterbrochen, laut Kraftwerk sind die Beschäftigten seitdem 6 bis 10 Stunden mit dem Bus unterwegs. [Th2]
Hunderte Menschen arbeiten daran, hunderttausende Kubikmeter radioaktiven Mülls zu bergen und zu entsorgen. Denn auf einem Gelände der Größe von 120 Fußballfeldern wurde nach der Katastrophe und während des weiteren Betriebs des Kraftwerks schwach radioaktives Material in Gräben gekippt und zugeschüttet. Ende Mai 2026 ging am Kraftwerk ein Industriekomplex in die erste Betriebsphase, der feste radioaktive Abfälle aus der Betriebszeit sortiert, verpresst und für die Endlagerung im Komplex “Vektor” verpackt. Im September 2026 wurden die ersten Abfallpakete dorthin gebracht. [Th6]
Aus der Betriebszeit der Reaktoren 1 bis 3 lagern zudem mehr als 21.000 abgebrannte Brennelemente im alten Nasslager, das ständig Strom für die Kühlung braucht. Seit Juni 2021 werden sie in ein neues Trockenlager umgelagert, in dem sie ohne aktive Kühlung 100 Jahre sicher gelagert werden können. Während der Besetzung ruhten die Arbeiten. Bis zum 10. September 2026 waren 7.107 Brennelemente umgelagert, rund ein Drittel des Bestands. [Th5]
Touristen begegnet man in der Zone seit 2022 nicht mehr, Reisen sind seit dem russischen Angriff nicht möglich. Weitere Informationen sind unter Reise nach Tschernobyl zu finden. In der Galerie wurden einige interessante Fotos gesammelt.
Prypjat - Die Arbeiterstadt im Herzen der Zone
Prypjat (auch Prypiat, engl. Schreibweise) ist die Großstadt im Herzen der Zone, nur 3 km vom Kraftwerk entfernt, in der ehemals die Arbeiter des Kernkraftwerks Tschernobyl mit ihren Familien lebten. Die Angaben über die letzten Einwohnerzahlen schwanken zwischen 40.000 und 80.000 Einwohnern, auf Wikipedia sind 49.360 Einwohner angegeben. Am 27. April 1986, einen Tag nach der Katastrophe und kurz vor dem bevorstehenden Maifest, wurde die gesamte Stadt evakuiert. [Th8] Mitnehmen durfte man nur das Nötigste und eine Rückkehr wurde jahrelang verweigert. Diese Evakuierung hinterließ eine Stadt, in der man das Gefühl gehabt haben muss, dass sich die Bevölkerung erst vor einigen Minuten quasi in Luft aufgelöst hat. Auf den Betten saßen die Puppen der Kinder, auf den Schreibtischen lagen fast fertig geschriebene Briefe und Berichten zufolge hingen selbst Jahre nach der Katastrophe noch die Plakate für das Maifest in den Straßen.
Zu den bekanntesten Orten der Stadt gehören das Schwimmbad und der kleine Vergnügungspark mit dem fast schon ikonisch anmutenden Riesenrad (links auf dem Bild zu sehen). Bis 2022 übte das alte, leicht verfallene, aber dennoch recht gut erhaltene Prypjat sowie das Kraftwerk gerade auf viele Fotografen einen besonderen Reiz aus. Für viele junge Reisende war die Landschaft ein wahrer Abenteuerpark, der förmlich nach Selfies schrie, was wegen der entsetzlichen Vergangenheit durchaus etwas morbide anmuten mag.
Im Februar 2022 rückten die russischen Truppen über Prypjat auf das Kraftwerk vor. [Th2] Seitdem ist die Stadt für Besucher nicht mehr zugänglich. [Th4]
Die Strahlung in Tschernobyl - Heute und in Zukunft
Wie hoch die Strahlenbelastung in der Zone ist, wo die gefährlichen Hot Spots liegen und wie sich die Werte seit 2022 entwickelt haben, erfährst du ausführlich auf der Seite Strahlenbelastung durch Tschernobyl.
Die Belastung wird die Zone noch lange begleiten. Die Halbwertszeit des radioaktiven Isotops Cäsium-137, das hauptsächlich bei der Katastrophe in die Umwelt geschleudert wurde, liegt bei ungefähr 30 Jahren. Experten sagen, dass erst nach zehn Halbwertszeiten, in diesem Fall also rund 300 Jahren, davon gesprochen werden kann, dass das Cäsium nicht mehr vorhanden und somit für den Menschen nicht mehr gefährlich ist. Die wirklich gefährlichen radioaktiven Stoffe wie Plutonium und Uran, beide mit Jahrtausende langen Halbwertszeiten, haben sich zum größten Teil im Inneren des Reaktorblocks 4 zu einer lavaartigen Masse verbunden.
Das Tierreich in Tschernobyl
Ohne Menschen, die jagen, Land bewirtschaften oder Wald abholzen, ist die Umwelt rund um das Kraftwerk und die Stadt Prypjat zu einem Rückzugsort für zahlreiche Tiere geworden. [Th1] Entgegen der Vorstellung, dass die Katastrophe auch fatale Folgen für die Tiere haben könnte, siedelten sich bereits vor Jahren Tiere in der Sperrzone an. Forscher wie Marina Shkvyria haben viele unterschiedliche Arten identifiziert: neben Elchen, Hirschen und Bibern finden sich Spuren von Eulen, Braunbären, Luchsen und Wölfen. Umso erfreulicher ist die Nachricht, dass die Weiden und Wälder in Tschernobyl auch bedrohten Tierarten wie dem Przewalski-Pferd eine Heimat bieten.
Studien wie die von Jim Beasley, Biologe an der University of Georgia, kamen zu dem Ergebnis, dass die Tierbestände durch die Strahlenbelastung nicht radikal dezimiert wurden. Andere Forscher wie Anders Pape Møller und Timothy Mousseau verweisen jedoch darauf, dass die erhöhten Strahlendosen trotzdem Auswirkungen auf die Tiere haben, die sich 24 Stunden am Tag in der Zone aufhalten. Beispielsweise zeigen Wühlmäuse eine erhöhte Rate an grauem Star. Ernsthafte Mutationen traten laut diesen Forschern jedoch nur kurz nach dem Unglück auf. [Th1]
Eine 2026 veröffentlichte Studie der Universität Freiburg zeigt mit Kamerafallen, dass Artenvielfalt und Verbreitung der Säugetiere in der großen, zusammenhängenden Sperrzone höher sind als in kleineren Schutzgebieten im Norden der Ukraine. Braunbär und Luchs, die vor der Katastrophe in der Region ausgestorben waren, sind zurückgekehrt. Przewalski-Pferde und Wisente wurden in den 1990er Jahren angesiedelt. Eine zweite Studie desselben Teams zeigt, dass Rothirsche, Rehe, Füchse und Wildschweine während der Besetzung 2022 ihre Aktivität an die Kämpfe anpassten. Die Forschenden sehen darin einen Wandel der Zone hin zu einer militarisierten Landschaft. [Th11] Hinzu kommt, dass seit 2022 regelmäßig Wildtiere durch zurückgelassene Minen und Sprengfallen getötet oder verletzt werden. [Th4]