Die Katastrophe von Tschernobyl hat enorme Schäden in ganz Europa angerichtet. Abgesehen von den tausenden Liquidatoren und den Einwohnern Prypjats leben viele Menschen auch heute noch in Gebieten außerhalb der 30 km-Sperrzone, die radioaktiv verseucht sind. Grund ist die riesige Staubwolke, die voll mit radioaktiven Stoffen quer über ganz Europa zog. Noch heute sind beispielsweise im Süden Deutschlands Wildpilze und Wildschweine in manchen Waldgebieten deutlich mit radioaktivem Cäsium-137 belastet. [Sb1]
Strahlenbelastung in Tschernobyl und der Umgebung
Die Strahlenbelastung ist natürlich im Bereich rund um Tschernobyl am größten. Auf der Karte oben kann man gut erkennen, wie hoch die Region verstrahlt ist. Angegeben ist die Belastung in Curie pro Quadratkilometer. Wie man unschwer erkennen kann, sind auch weite Teile des südlichen Belarus (Weißrussland) stark kontaminiert, obwohl diese nicht in der ukrainischen Sperrzone liegen. Auf belarussischer Seite schließt sich seit 1988 ein eigenes Schutzgebiet an die Sperrzone an. [Sb1] Eben dies liegt auch an der ungünstigen Windrichtung zur Zeit der Katastrophe, die Teile der Explosionswolke über diese Regionen hat ziehen lassen.
Innerhalb der Sperrzone sind die radioaktiven Stoffe sehr ungleichmäßig verteilt, die Strahlung schwankt deshalb von Ort zu Ort erheblich. Laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) muss man dort lokal mit einer Ortsdosisleistung von einigen 10 Mikrosievert pro Stunde und mehr rechnen. In Deutschland liegt dieser Wert zum Vergleich zwischen 0,05 und 0,18 Mikrosievert pro Stunde. Hinzu kommt die Gefahr, radioaktive Partikel einzuatmen, etwa wenn bei Trockenheit oder Sturm Staub aufgewirbelt wird. Besonders langlebig sind Plutonium und Americium, deren Aktivität seit 1986 praktisch nicht abgenommen hat. Cäsium-137 und Strontium-90 sind dagegen inzwischen zu etwa 60 Prozent zerfallen. Das BfS rät aus Strahlenschutzsicht von touristischen Besuchen der Sperrzone ab. [Sb1] Mehr zum Zugang zur Zone findest du unter Reise nach Tschernobyl.
Messwerte seit dem russischen Angriff 2022
Am 24. Februar 2022 besetzten russische Truppen die Sperrzone und das Kraftwerksgelände (mehr dazu unter Tschernobyl heute). Am Folgetag meldete die ukrainische Atomaufsicht, dass die Kontrollwerte der Gammastrahlung an vielen Messpunkten der Zone überschritten wurden. Als Ursache nannten ukrainische Fachleute schwere Militärfahrzeuge, die kontaminierten Staub aufgewirbelt hätten. [Sb4] Mitarbeiter des Kraftwerks berichteten später, dass russische Panzer und andere Fahrzeuge ohne Strahlenschutz durch den Roten Wald gefahren seien, den am stärksten kontaminierten Teil der Zone. [Sb6]
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) stufte die gemeldeten Werte von bis zu 9,46 Mikrosievert pro Stunde als niedrig ein. Sie lägen innerhalb der Spannweite, die in der Sperrzone seit ihrer Einrichtung gemessen wurde, und stellten keine Gefahr für die Bevölkerung dar. [Sb5] Eine 2023 veröffentlichte Studie britischer Forscher hält aufgewirbelten Boden als Erklärung allerdings für unplausibel und vermutet stattdessen, dass Störungen der Funkübertragung zwischen den Messstationen und der Basisstation die erhöhten Werte verursacht haben. [Sb9]
Das automatische Messnetz der Sperrzone fiel mit Beginn der Besetzung aus. Nach dem Abzug der russischen Truppen Ende März 2022 besuchte IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi am 26. April 2022 das Kraftwerk. Er erklärte, die Strahlung sei wieder im normalen Bereich, während der Besetzung sei sie durch die Bewegung schwerer Fahrzeuge zeitweise angestiegen. [Sb7] Anfang Juni 2022, mehr als 100 Tage nach dem Ausfall, gelang es der Ukraine mit Unterstützung der IAEA, die Datenübertragung wiederherzustellen. Die meisten der 39 Detektoren in der Zone übermittelten ihre Werte danach wieder wie vor der Unterbrechung, die Strahlungswerte waren laut IAEA normal. [Sb8] Die Umweltorganisation Greenpeace veröffentlichte im Juli 2022 eigene Messungen aus der Zone mit Werten zwischen 0,2 und 7,7 Mikrosievert pro Stunde und warf der IAEA vor, die Risiken durch den aufgewühlten Boden zu unterschätzen. [Sb10]
Nach dem Drohnenangriff auf die neue Schutzhülle im Februar 2025 meldete die IAEA, die Strahlungswerte innerhalb und außerhalb der Hülle seien normal und stabil geblieben. [Sb11]
Strahlenbelastung in Deutschland
Wie schon angemerkt sind auch Teile Deutschlands mitunter stark kontaminiert. Besonders betroffen ist der Süden, vor allem der Bayerische Wald und die Gebiete südlich der Donau, wo 1986 starke Regenfälle die radioaktiven Stoffe aus der Luft gewaschen haben. Lokal lagerten sich dort bis zu 100.000 Becquerel Cäsium-137 pro Quadratmeter ab. [Sb1] In den entsprechenden Gebieten stehen häufig Warnschilder. Landwirtschaftliche Lebensmittel wie Getreide, Milch oder Fleisch sind heute kaum noch belastet, Nahrungsmittel aus dem Wald dagegen schon. [Sb1]
Bei Wildpilzen hat das BfS in den Jahren 2023 bis 2025 im Bayerischen Wald in einzelnen Proben über 2.000 Becquerel pro Kilogramm gemessen. Trotzdem ist es laut BfS inzwischen unbedenklich, selbst gesammelte Pilze in üblichen Mengen zu essen. Wer jede Woche 200 Gramm Maronenröhrlinge mit rund 1.400 Becquerel pro Kilogramm isst, erhält eine zusätzliche Dosis von etwa 0,18 Millisievert pro Jahr. [Sb3] Stärker belastet sind Wildschweine, weil sie unterirdisch wachsende Hirschtrüffel fressen. Bei ihnen werden vereinzelt noch Werte gemessen, die den Grenzwert für den Handel von 600 Becquerel pro Kilogramm um mehr als das Zehnfache überschreiten. Wer seine Strahlendosis gering halten möchte, sollte in den höher belasteten Gebieten nicht übermäßig viel selbst gesammelte Pilze und selbst erlegtes Wild essen. [Sb2]
Auf der Karte oben ist die Kontaminierung dargestellt, rote Bereiche bedeuten hier eine höhere Strahlenbelastung.