Der explodierte Reaktorblock Nummer 4 wurde direkt nach der Katastrophe im Jahr 1986 innerhalb weniger Monate mit einer Schutzhülle aus Stahlbeton versiegelt. [Ns2] Da diese Hülle nur notdürftig errichtet wurde, war absehbar, dass sie innerhalb der nächsten Jahrzehnte undicht werden würde. Deshalb wurden Pläne für den Bau einer neuen Schutzhülle angefertigt. Diese neue Hülle wird offiziell Chernobyl New Safe Confinement (NSC) genannt, oft wird sie aber auch als neuer Sarkophag bezeichnet. Sie soll den Reaktorblock 4 und seinen radioaktiven Inhalt für mindestens 100 Jahre einschließen und den ferngesteuerten Rückbau des alten Sarkophags ermöglichen. [Ns1] Die Arbeiten an der neuen Hülle begannen 2007 unter der Führung des Baukonsortiums Novarka, einem Zusammenschluss der französischen Firmen Vinci und Bouygues. Mit der Montage des Stahlbogens vor Ort wurde 2012 begonnen. [Ns1]
Bewegung der Schutzhülle über den Reaktorblock 4
Am 14. November 2016 wurde die gigantische Hülle in Bewegung gesetzt, um sie rund 327 Meter weit von ihrem Montageplatz über den Reaktorblock zu schieben. [Ns1] Am 29. November 2016 erreichte die Schutzhülle ihre finale Position über der alten Schutzhülle. [Ns2] Im folgenden YouTube Video ist ein Teil des Baus sowie der abschließenden Bewegung im Zeitraffer zu sehen.
Am 25. April 2019 vermeldete die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) den Abschluss eines 72-Stunden-Testbetriebs. [Ns3] Am 10. Juli 2019 wurde die Schutzhülle im Beisein des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj offiziell an die Ukraine übergeben. [Ns4]
Daten und Fakten
| Details | |
|---|---|
| Baufirma | Baukonsortium Novarka |
| Kosten | ca. 1,5 Milliarden Euro |
| Baubeginn (Montage des Bogens) | 2012 |
| Übergabe | 10. Juli 2019 |
| Höhe | 108 m |
| Länge | 162 m |
| Spannweite | 257 m |
| Gewicht | ca. 36.000 t |
| Geplante Lebensdauer | mindestens 100 Jahre |
Quellen für die Tabelle: [Ns1] [Ns4]
Konstruktionsmerkmale des Sarkophags
Der neue Sarkophag von Tschernobyl ist die größte bewegliche Konstruktion an Land, die je gebaut wurde. [Ns1] Unter ihr findet die Pariser Kathedrale Notre Dame Platz. Da Arbeiten direkt an der alten Schutzhülle des Kernkraftwerkes zu gefährlich sind, haben sich die Ingenieure eine Schienenkonstruktion ausgedacht, über die der Stahlkoloss über den Reaktorblock 4 gefahren wurde, nachdem er in einigen hundert Metern Entfernung konstruiert worden war. Innerhalb dieser gigantischen Hülle ist ein Kransystem installiert, um ferngesteuert die alte Schutzhülle zu demontieren und den darunter liegenden Reaktorblock weiter stabilisieren zu können. [Ns4] Die Hülle selbst ist eine spezielle Konstruktion aus Kunststoffmembranen, Isolierungsschichten und Abschlüssen aus Edelstahlblechen.
Drohnenangriff im Februar 2025
In der Nacht zum 14. Februar 2025 hörten die Beobachter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vor Ort gegen 1:50 Uhr Ortszeit eine Explosion an der Schutzhülle. Nach Angaben von IAEA-Chef Rafael Grossi traf eine Drohne mit konventioneller Sprengladung das Dach. Der ukrainische Präsident Selenskyj machte Russland für den Angriff verantwortlich, der Kreml wies die Vorwürfe zurück. Erhöhte Strahlungswerte wurden nach dem Angriff nicht gemessen. [Ns5]
Die Explosion riss ein etwa 15 Quadratmeter großes Loch in die äußere Verkleidung, weitere rund 200 Quadratmeter sowie Verbindungen und Schrauben wurden beschädigt. Brennende Isolierung schwelte in der Dachkonstruktion, bis das Feuer nach etwa drei Wochen vollständig gelöscht war. [Ns2] Um an die Glutnester zu gelangen, mussten die Einsatzkräfte mehr als 340 Öffnungen in die Hülle schneiden. Beide Verkleidungsschichten wurden durchbrochen, außerdem wurden Stromversorgung, Lüftung, Steuerungstechnik sowie Teile der Stahlkonstruktion und des Kransystems beschädigt. [Ns6]
Reparatur und Stand seit dem Angriff
Im Oktober 2025 schlossen Mitarbeiter des Kraftwerks und der staatliche Katastrophenschutz das Loch im Dach mit einer vorläufigen Reparatur, um die Hülle vor dem Winter vor Witterung zu schützen. [Ns2] Eine Untersuchung der IAEA kam im Dezember 2025 zu dem Ergebnis, dass die Schutzhülle ihre wichtigsten Sicherheitsfunktionen verloren hat, darunter den Einschluss radioaktiver Stoffe. An den tragenden Strukturen und an den Überwachungssystemen fand die IAEA keine bleibenden Schäden. Sie empfahl unter anderem eine Kontrolle der Luftfeuchtigkeit und ein aktualisiertes Programm zur Überwachung von Korrosion. [Ns7]
Im März 2026 legten Bouygues und Vinci eine erste technische Bewertung vor. Demnach müssen unter anderem die äußere Verkleidung, die dichtenden Membranen, die Lüftung und das Hauptkransystem instand gesetzt werden. Die Kosten werden vorläufig auf rund 500 Millionen Euro geschätzt. Ziel ist, die volle Funktion der Schutzhülle bis 2030 wiederherzustellen, wobei der Zeitplan als sehr unsicher gilt. [Ns2] Im April 2026 gaben die Geldgeber des von der EBRD verwalteten Fonds 30 Millionen Euro für erste Planungs- und Beschaffungsarbeiten frei. [Ns8] Im Oktober 2026 sagten die G7-Staaten 260 Millionen Euro für dringende Reparaturen zu. Für die restliche Finanzierung lädt die EBRD für den 9. November 2026 zu einer Geberkonferenz nach Paris ein. [Ns9]
Wie sich der Angriff und der Krieg auf die Strahlungswerte in der Sperrzone auswirken, erfährst du auf der Seite zur Strahlenbelastung. Mehr zur Besetzung der Sperrzone im Jahr 2022 findest du unter Tschernobyl heute.
Rückbau des alten Sarkophags
Nach der Übergabe der neuen Schutzhülle sollte der alte Sarkophag ferngesteuert abgebaut werden. Zuerst sollten die einsturzgefährdeten Teile zurückgebaut werden, ursprünglich bis Oktober 2023. Wegen fehlender Finanzierung, der Corona-Pandemie und des Krieges, einschließlich der zweimonatigen Besetzung des Kraftwerks 2022, verlängerte die ukrainische Atomaufsicht die Frist bis zum 31. Oktober 2029. [Ns10]
Seit dem Drohnenangriff ruhen alle Planungen für den Rückbau. Nach Angaben der ukrainischen Atomaufsicht ist ein Abbau unter den Bedingungen seit dem Angriff nicht möglich. [Ns6] Erst wenn die neue Schutzhülle repariert ist, sollen die Arbeiten an den instabilen Teilen des alten Sarkophags beginnen. [Ns11]
Finanzierungsprobleme der neuen Schutzhülle
Die Konstruktion dieses riesigen Gebildes sollte ursprünglich nur rund 500 Millionen Euro kosten. Es konnte jedoch niemand genau einschätzen, wie umfangreich das Projekt tatsächlich werden und was für Schwierigkeiten auftreten würden. Am Ende kostete die Schutzhülle rund 1,5 Milliarden Euro. Finanziert wurde sie über den 1997 gegründeten Chernobyl Shelter Fund (CSF), in den 45 Länder und Institutionen eingezahlt haben. [Ns4] Das gesamte Projekt rund um den Reaktorblock 4 kostete mehr als 2,1 Milliarden Euro, davon stellte die EBRD 715 Millionen Euro aus eigenen Mitteln bereit. [Ns3] 2015 drohte zwischenzeitlich der Baustopp, da Geld für die Weiterführung der Arbeiten fehlte. Es wurde jedoch kurzfristig weiteres Geld von der EBRD zur Verfügung gestellt.
Weitere Bilder des Sarkophags