Die genauen Folgen von Tschernobyl lassen sich bis heute nicht exakt beziffern. Das liegt an der mangelhaften Erfassung während und nach der Katastrophe, aber auch daran, dass sich eine einzelne Krebserkrankung nicht sicher auf die Strahlung zurückführen lässt. [Fa1] Offizielle Berichte internationaler Organisationen und Schätzungen kritischer Ärzte- und Umweltorganisationen unterscheiden sich deshalb stark in Umfang und Schwere der Folgen. Eins lässt sich jedoch mit Sicherheit sagen: Die Katastrophe hat das Leben von Hunderttausenden grundlegend verändert. Allein mehr als 350.000 Menschen mussten ihre Heimat für immer verlassen. [Fa8]
Gesundheitliche Folgen von Tschernobyl für Mensch und Tier
In der Unfallnacht starben zwei Kraftwerksmitarbeiter an den Verletzungen durch die Explosion. 134 Einsatzkräfte erkrankten an der akuten Strahlenkrankheit, 28 von ihnen starben innerhalb von vier Monaten. Weitere 19 starben bis 2004, ihr Tod hängt aber nicht in jedem Fall mit der Strahlung zusammen. [Fa1] [Fa6]
Für die Aufräumarbeiten wurden bis etwa 1990 rund 600.000 Liquidatoren registriert, mehr als 240.000 von ihnen waren 1986 und 1987 im Umkreis von 30 Kilometern um das Kraftwerk im Einsatz. 1986 wurden etwa 116.000 Menschen aus der Umgebung evakuiert, in den Folgejahren weitere rund 220.000 umgesiedelt. 2006 lebten noch etwa 6 Millionen Menschen in den als kontaminiert geltenden Gebieten der ehemaligen Sowjetunion. [Fa1]
Unumstritten ist der starke Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Menschen, die 1986 Kinder oder Jugendliche waren. Sie hatten vor allem über Kuhmilch radioaktives Jod aufgenommen, das sich in der Schilddrüse anreichert. Zwischen 1991 und 2015 wurden in Belarus, der Ukraine und den vier am stärksten betroffenen Regionen Russlands fast 20.000 Schilddrüsenkrebsfälle in dieser Gruppe registriert. Das UN-Komitee UNSCEAR schätzt, dass etwa ein Viertel davon auf die Strahlung zurückgeht, mit einer großen Unsicherheit von 7 bis 50 Prozent. [Fa7] Bei den Evakuierten liegt der Anteil laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bei etwa 60 Prozent. [Fa1] Schilddrüsenkrebs ist meist gut behandelbar, bis 2005 waren laut WHO aber mindestens neun Kinder daran gestorben. [Fa8]
Ob auch andere Krankheiten durch die Strahlung zugenommen haben, ist umstritten. Bei Liquidatoren gibt es Hinweise auf erhöhte Leukämieraten, außerdem wurden bei ihnen und bei Überlebenden der Strahlenkrankheit vermehrt Linsentrübungen (grauer Star) festgestellt. Für andere Krebsarten wie Brustkrebs gibt es laut BfS und UNSCEAR bisher keine verlässlichen Belege. [Fa1] [Fa6] Die Ärzteorganisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) sieht dagegen auch einen Anstieg von Totgeburten, Fehlbildungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. [Fa10]
Wie viele Menschen insgesamt an den Folgen gestorben sind oder noch sterben werden, lässt sich nicht genau angeben. [Fa1] Die Schätzungen reichen von einigen Tausend bis weit über 100.000:
- Etwa 4.000 zusätzliche Todesfälle unter den rund 600.000 am stärksten belasteten Menschen (Liquidatoren, Evakuierte und Bewohner der am stärksten kontaminierten Gebiete) erwartete 2005 das Tschernobyl-Forum von IAEA, WHO und weiteren UN-Organisationen. [Fa8] Auf diese Zahl bezieht sich auch das BfS. [Fa1]
- Etwa 16.000 Krebstodesfälle in ganz Europa bis zum Jahr 2065 (Unsicherheitsbereich 6.700 bis 38.000) berechnete 2006 die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO. Nach diesem Modell treten bis 2065 außerdem rund 16.000 Schilddrüsenkrebs- und 25.000 weitere Krebserkrankungen auf, zwei Drittel bzw. mindestens die Hälfte davon in Belarus, der Ukraine und Russland. [Fa9]
- 112.000 bis 120.000 tote Liquidatoren ergeben sich aus Angaben der IPPNW: Von rund 800.000 Liquidatoren seien bis 2005 schätzungsweise 14 bis 15 Prozent gestorben, viele vermutlich wegen ihrer hohen Strahlenbelastung. [Fa10] Diese Zahl umfasst alle Todesfälle unabhängig von der Ursache. UNSCEAR weist darauf hin, dass die Sterblichkeit in der ehemaligen Sowjetunion in diesem Zeitraum insgesamt gestiegen ist. [Fa6]
Die großen Unterschiede ergeben sich vor allem daraus, welche Bevölkerungsgruppen in die Berechnungen einbezogen werden. [Fa2] In Deutschland lassen sich laut BfS bisher keine gesundheitlichen Strahlenschäden durch Tschernobyl nachweisen, auch Schilddrüsenkrebs bei Kindern hat hier nicht erkennbar zugenommen. Ein Anstieg der Krebshäufigkeit ist außerhalb der ehemaligen Sowjetunion nicht nachweisbar. [Fa2]
Ebenso ist die tatsächliche Auswirkung auf die in der Sperrzone lebenden Tiere ungewiss. Während bei diversen Untersuchungen nur leicht gestiegene Werte von radioaktivem Cäsium im Fleisch toter Tiere gefunden wurde, kann auch hier nur geschätzt werden, wie viele Tiere an den Folgen gestorben sind. Wahrscheinlich ist hierzu die Annahme, dass die Tiere an sich größtenteils gesund geblieben sind, jedoch durch die radioaktive Strahlung als Auswirkung der Katastrophe von Tschernobyl Gendefekte an ihre Nachfahren weitergeben werden. Mehr zur Tierwelt in der Zone findest du unter Tschernobyl heute.
Folgen von Tschernobyl für die Umwelt
Unumstritten ist die starke Schädigung der Umwelt durch die Katastrophe. Die radioaktiven Wolken zogen über Polen nach Skandinavien, über die Slowakei, Tschechien und Österreich nach Deutschland sowie über Rumänien und Bulgarien bis nach Griechenland und in die Türkei. Wo es beim Durchzug regnete, lagerten sich besonders viele radioaktive Stoffe ab. [Fa3] In Deutschland traf das vor allem den Süden: Im Bayerischen Wald und südlich der Donau wurden durch heftige lokale Niederschläge stellenweise bis zu 100.000 Becquerel Cäsium-137 pro Quadratmeter abgelagert, in der norddeutschen Tiefebene selten mehr als 4.000. [Fa3] Gering angestiegene Messwerte wurden außerdem im Thüringer Wald, auf der Schwäbischen Alb und im Schwarzwald gemessen.
Direkt nach der Katastrophe gelangte radioaktives Jod-131 über das Weidegras in die Kuhmilch. Landwirte entsorgten Milch und pflügten belastetes Freilandgemüse unter. [Fa3] In Bayern fielen 1986 rund 5.000 Tonnen kontaminiertes Molkepulver an, das bis Ende 1990 dekontaminiert und wieder als Viehfutter verwertet wurde. 1987 kamen weitere 1.900 Tonnen hinzu. [Fa11] Das radioaktive Jod-131 hat eine Halbwertszeit von etwa 8 Tagen und war bereits nach wenigen Wochen weitgehend zerfallen. Heute ist in Mitteleuropa nur noch Cäsium-137 von Bedeutung. [Fa3] Es hat eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren, bis 2026 ist das 1986 in Deutschland abgelagerte Cäsium-137 zu rund 60 Prozent zerfallen. [Fa4]
Feldfrüchte, die erst nach dem Unfall ausgesät wurden, waren schon im Sommer 1986 nur noch gering belastet, weil Cäsium in vielen Ackerböden stark gebunden wird. Anders sieht es im Wald aus: Einige Pilzarten und Wildschweine aus den 1986 stärker belasteten Gebieten können bis heute problematisch sein. [Fa3] Wildschweine fressen den unterirdisch wachsenden Hirschtrüffel, der besonders viel Cäsium anreichert. [Fa5] In einigen Pilzproben aus dem Bayerischen Wald fand das BfS in den Jahren 2023 bis 2025 noch über 2.000 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm. Trotzdem hält das BfS es inzwischen für unbedenklich, selbst gesammelte Pilze in üblichen Mengen zu essen. Pilze im Handel dürfen nicht mehr als 600 Becquerel pro Kilogramm enthalten. [Fa4] Dieser Grenzwert gilt auch für Wildbret aus dem Handel. [Fa5]
Wirtschaftliche Auswirkungen
Die Katastrophe von Tschernobyl hatte enorme Auswirkungen auf die Wirtschaft der Ukraine, von Belarus und Russland. Abgesehen von dem Verlust eines kompletten Atomkraftwerkes und der Stadt Prypjat entstanden große finanzielle Schäden durch die Evakuierung und Umsiedlung, die Absicherung der Unfallstelle, die Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen für Betroffene. Regierungsschätzungen aus den 1990er Jahren bezifferten die Kosten über zwei Jahrzehnte auf Hunderte Milliarden US-Dollar. Belarus gab 1991 noch 22,3 Prozent seines Staatshaushalts für die Folgen von Tschernobyl aus, in der Ukraine waren es Mitte der 2000er Jahre jährlich 5 bis 7 Prozent der Staatsausgaben. [Fa12]
Zudem schlug die Sicherung des zerstörten Reaktors mit rund 2,1 Milliarden Euro zu Buche, davon knapp 1,5 Milliarden Euro für den Bau der neuen Schutzhülle. Bezahlt wurde das vor allem über einen internationalen Fonds, in den bis 2016 47 Staaten und Organisationen einzahlten. Zu den größten Gebern gehörten bis 2016 die Osteuropabank EBRD, die Europäische Kommission, die USA, Frankreich und Deutschland mit rund 106 Millionen Euro. [Fa13] Seit dem russischen Drohnenangriff im Februar 2025 muss die Schutzhülle außerdem repariert werden, wofür erneut internationale Gelder nötig sind. [Fa14]