Als Strahlenkrankheit bezeichnet man die Zusammenfassung von verschiedenen Symptomen, die nach einer hohen Bestrahlung des menschlichen Organismus innerhalb kurzer Zeit auftreten. Als Maßeinheit für die Strahlung, die auf den Körper eingewirkt hat, dient das Gray (Gy). Es gibt die Energiedosis an, also die vom Körper aufgenommene Strahlungsenergie: 1 Gy entspricht 1 Joule pro Kilogramm [Gl13] . Von einer akuten Strahlenkrankheit spricht man ab einer Ganzkörperdosis von etwa 1 Gy [Gl12] . Liegt die Dosis unter 3 Gy, ist die Prognose auch ohne Behandlung gut, mit optimaler Behandlung auch noch unterhalb von 6 Gy. Bei mehr als 15 Gy gibt es trotz optimaler Versorgung kaum Überlebenschancen [Gl12] .
Wenn Strahlung auf den Körper einwirkt, werden Zellen geschädigt, zerstört oder kritisch verändert. Nehmen diese Auswirkungen bestimmte Größenordnungen an, reagiert der Körper entsprechend. Je nach Dosis sind vor allem das blutbildende System, der Magen-Darm-Trakt oder das zentrale Nervensystem betroffen. Die Krankheit verläuft in Phasen: Zuerst treten unspezifische Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen auf (Prodromalphase), danach folgt eine beschwerdefreie Zeit (Latenzphase) und anschließend die eigentliche Erkrankung. Je höher die Dosis, desto früher setzen die ersten Beschwerden ein und desto kürzer ist die Latenzphase [Gl12] . Die folgende Tabelle zeigt die Formen der akuten Strahlenkrankheit nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz [Gl12] .
| Blutbildendes System | Magen-Darm-Trakt | Zentrales Nervensystem | |
|---|---|---|---|
| Dosis | 1-6 Gy | 5-20 Gy | > 20 Gy |
| Erste Beschwerden | 30 Min. bis 6 h nach der Bestrahlung, Dauer 24 bis 48 h | 15 Min. bis 2 h nach der Bestrahlung, Dauer bis zu 72 h | keine erkennbare Abfolge der Phasen |
| Beschwerdefreie Zeit | 2 bis 4 Wochen | 3 bis 5 Tage | - |
| Erkrankung | Fieber, Schwäche, Infektionen, Blutungsneigung, ab etwa 3 Gy auch Haarausfall und Entzündungen von Haut und Schleimhäuten | schwere, teils blutige Durchfälle, Schock, Infektionen, Blutungen | Krämpfe, Bewusstlosigkeit, Herz-Kreislauf-Schock |
Da Strahlung die Zellen direkt und sofort schädigt oder zerstört, können bei Auftreten der Strahlenkrankheit vor allem die Symptome behandelt werden. Hierzu zählen die gründliche Dekontamination des Körpers, die Zufuhr von Flüssigkeit und Nährstoffen, um den Flüssigkeitsverlust bei Durchfall auszugleichen und in schweren Fällen auch Bluttransfusionen, um geschädigtes Blut zu ersetzen.
Nach der Katastrophe von Tschernobyl wurde die akute Strahlenkrankheit bei 134 Einsatzkräften und Mitarbeitern des Kraftwerks bestätigt [Gl11] . Ihre Ganzkörperdosen lagen zwischen unter 2,1 und 16 Gy [Gl17] . Mehr zu den gesundheitlichen Folgen steht auf der Seite Folgen & Auswirkungen.
Bezug zur Einheit “Röntgen”
Das Röntgen (R) ist eine veraltete Einheit der Ionendosis. Sie beschreibt, wie stark Strahlung Luft ionisiert: 1 R entspricht 2,58·10-4 Coulomb pro Kilogramm [Gl15] . Die Einheit Röntgen kann man daher nicht 1-zu-1 in Gray umrechnen. In Luft entspricht 1 R einer Energiedosis von knapp 0,009 Gray, in Wasser und Gewebe etwas mehr [Gl16] . Als grobe Faustregel gilt deshalb: 1 Röntgen entspricht etwa 0,01 Gray.
Wichtig ist der Unterschied zwischen Dosis und Dosisleistung. Messgeräte zeigen meist eine Dosisleistung an, also Röntgen oder Sievert pro Stunde. Welche Dosis jemand tatsächlich aufnimmt, hängt zusätzlich davon ab, wie lange er sich an diesem Ort aufhält. Oft zitiert wird im Falle von Tschernobyl eine Strahlung von 3,6 Röntgen direkt nach der Katastrophe, angezeigt von den zur Verfügung stehenden Messgeräten. Die tatsächliche Strahlenstärke rund um den zerstörten Reaktor direkt nach der Explosion betrug jedoch um 1000 bis 3000 Röntgen pro Stunde. Nach der Faustregel oben hätte man bei 1000 Röntgen pro Stunde schon nach einer halben Stunde eine Dosis von rund 5 Gray aufgenommen.