Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 um 1:23 Uhr Ortszeit im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Nähe der Städte Tschernobyl und Prypjat. Während eines Tests geriet der Reaktor außer Kontrolle: Eine nukleare Leistungsexkursion löste Explosionen aus, die den Reaktor und das Reaktorgebäude zerstörten. Dabei wurde die rund 1000 Tonnen schwere obere Abdeckplatte des Reaktors teilweise verschoben, gewaltige Mengen an radioaktivem Material gelangten in die Atmosphäre. [Ka2] Die Katastrophe gilt als der schwerste Unfall in der Geschichte der Kernenergie. [Ka4] Die Umstände der Katastrophe sind weitestgehend geklärt, einzelne Zusammenhänge sind unter Experten aber bis heute umstritten, etwa was die Leistungsexkursion genau auslöste und wodurch die zweite Explosion entstand. [Ka1] [Ka2] Hierzu trug auch die lückenhafte Aufklärung durch die damalige Regierung der Sowjetunion bei.
Die Umstände der Katastrophe
Die Katastrophe von Tschernobyl ist die Folge eines Super GAUs im Atomkraftwerk von Tschernobyl, Block 4. Dort sollte vom 25. zum 26. April 1986, während einer geplanten Abschaltung für Wartungsarbeiten, ein Versuch durchgeführt werden: Es sollte gezeigt werden, dass der auslaufende Turbogenerator bei einem vollständigen Stromausfall noch genug Strom für die Kühlmittelpumpen liefert, bis die Notstromaggregate anspringen. [Ka1] [Ka3] Das Anlaufen der Notstromaggregate dauert 60 Sekunden, diese Lücke sollte der Turbogenerator überbrücken.
Weil die Netzleitstelle in Kiew noch Strom benötigte, wurde der Test am Nachmittag des 25. April verschoben und erst in der Nacht fortgesetzt. Der Reaktor lief zu Testbeginn mit nur etwa 200 Megawatt thermischer Leistung statt der vorgesehenen 700 bis 1000 Megawatt und befand sich in einem sehr instabilen Zustand. Um 1:23:04 Uhr begann der eigentliche Test, um 1:23:40 Uhr wurde die Notabschaltung (AZ-5) ausgelöst. Wenige Sekunden später stieg die Leistung sprunghaft an, und zwei Explosionen im Abstand von zwei bis drei Sekunden zerstörten den Reaktor. [Ka1] [Ka2] [Ka3]
Ursache waren Mängel in der Konstruktion des Reaktors vom Typ RBMK-1000, eines graphitmoderierten Siedewasser-Druckröhrenreaktors, zusammen mit schweren Bedienfehlern und nicht eingehaltenen Sicherheitsbestimmungen. Der Reaktor hatte einen positiven Dampfblasenkoeffizienten, das heißt, entstehende Dampfblasen steigerten die Leistung weiter. Zudem führte die Bauart der Steuerstäbe dazu, dass deren Einfahren die Leistung zunächst kurz erhöhte, statt sie zu senken. Die Bedienmannschaft hatte automatische Schutzsysteme abgeschaltet und den Testablauf vor Ort eigenmächtig geändert. [Ka1] [Ka2] Die Sowjetunion hatte 1986 die Schuld fast ausschließlich dem Personal gegeben. Der überarbeitete Bericht der Internationalen Atomenergie-Organisation (INSAG-7) von 1992 legte das Gewicht stärker auf die Konstruktionsfehler und die mangelnde Sicherheitskultur in der gesamten sowjetischen Atomindustrie. [Ka1]
Folgen der Katastrophe von Tschernobyl
Über rund zehn Tage hinweg traten große Mengen radioaktiver Stoffe aus dem brennenden Reaktor aus, vor allem Iod und Cäsium, und verteilten sich über weite Teile Europas. [Ka4] Die gesundheitlichen Folgen und die Opferzahlen werden von verschiedenen Parteien bis heute unterschiedlich dargestellt. Mehr dazu findest du auf der Seite Folgen & Auswirkungen.
Die Zone nach der Katastrophe von Tschernobyl
Die rund 50.000 Einwohner der nahegelegenen Stadt Prypjat wurden innerhalb von etwa 40 Stunden nach dem Unfall, am 27. April 1986, evakuiert. [Ka2] [Ka4] Bis zum Sommer 1986 mussten insgesamt etwa 116.000 Menschen die Umgebung des Kraftwerks verlassen, in den folgenden Jahren wurden weitere rund 220.000 Menschen umgesiedelt. [Ka4] Um das Kernkraftwerk wurde eine Sperrzone eingerichtet, die bis heute besteht. Mehr zu ihrer Größe und ihren Grenzen findest du unter Allgemeine Infos.
Bis November 1986 wurde über dem zerstörten Block 4 eine Schutzhülle aus Stahlbeton errichtet, der sogenannte Sarkophag. [Ka5] Wie der Reaktor heute unter der neuen Schutzhülle gesichert wird und wie es in der Zone aktuell aussieht, erfährst du unter Tschernobyl heute.